Tanja Bakenhus

Mit Kohldampf voraus!!!

Während Amsel, Drossel, Fink, Star und Kollegen sich auf ihren Trip gen Süden begeben, um Väterchen Frost aus dem Wege zu gehen, kriechen die heimischen Schnapsdrosseln und Schluckspechte aus ihren Nestern und krakeelen: „Ik seh di!“. Der Oldenburger an sich weiß diese Vorboten zu deuten und stellt seine Uhr zeitgemäß auf Gröönkohltied um. Denn von nun an dauert es naturgegeben nicht mehr lange und die Schnapsdrosseln und die Schluckspechte ziehen in großen Schwärmen in und um Oldenburg aus. Im Anhang immer ein prall gefüllter Bollerwagen mit diversen Schnaps- und Schlucksorten, für die Alkoholabstinenzler unter diesen bunten Vögeln sind auch ein paar Flaschen Bier dabei. Zeitgemäß zählen zu dem Handwagen-Inventar auch Getränke wie Red Bull, weil diese versprechen Flügel zu verleihen.
Ornithologen haben diesen Exemplaren, die ausschließlich in der kalten Jahreszeit ihre Nester verlassen, zur Kennzeichnung und Registrierung Eierbecher um den Hals gehängt, um einen Überblick über den Bestand zu bekommen und um eine Möglichkeit zu erhaschen, durch Beobachtung und Kontrolle etwas mehr über diese Spezies herauszufinden. Mittlerweile konnten ortsansässige Vogelkundler schon bestätigen, dass Schnapsdrosseln und Schluckspechte offensichtlich mit einem mehr schlecht als recht ausgeprägten Orientierungssinn ausgestattet sind. So ist auch zu erklären, dass diese Piepmatz-Art der Einfachheit halber auf ihren Zug durch die Gemeinde eine kleine Kugel, Bosselkugel genannt, vor sich her wirft und dieser dann kompromisslos folgt.  
An jeder Straßenecke unterbricht dieser sogenannte Kohlfahrt-Vogelschwarm seine Durchreise durch die Landschaften und konsumiert mit wehenden Schnapsfahnen promillehaltigen Schluck. Dabei zwitschern sie sich feierlich altbewährte plattdeutsche Trinksprüche zu:
Schnapsdrossel: „Ik seh di!“
Schluckspecht: „Dat freit mi!“
Schnapsdrossel: „Ik suup di to!“
Schluckspecht: „Dat do!“
Beide: „Proost!“
Schnapsdrossel: „Ik heff di tosapen!“
Schluckspecht: „Hest’n Rechten drapen!“
Beide: „So hebbt wi dat jümmer daan so schall dat ok wiedergahn.“
Ja, die Ornis und ihre gesellige Artenvielfalt, getreu der Devise: Heute noch ein ordinärer Zaunkönig und morgen schon ein feister Kohlkönig.
Am Ende ihrer traditionsreichen Kohlfahrt mit stundenlanger Bewegung an der frischen Luft, landen diese drolligen Piepmätze jedes Mal vergnüglich in einem der Kohl-und-Pinkel-Gaststätten und widmen sich, zusätzlich zum Kornkonsum, dem derb defftig Ollnborger Gröönkohl-Aten. Da die „Oldenburger Palme“ als die vitamin- und eiweißreichste Kohlart ihr Fett weg hat, freut sich der ausgelaugte Körper über diese wohlschmeckende und außerordentlich gesunde Komponente. Man isst gesund!
Danach wird kräftig weitergebechert und altbewährte plattdeutsche Trinksprüche kreativ auf ein Mindestmaß reduziert:
Schnapsdrossel: „Ik seh di!“
Schluckspecht: „Dat langt mi!“
Na, dann Prost!