Tanja Bakenhus

Von glitschigen Einfällen, geschmierten Politikern und sauren Gurken

Wohin man auch schaut:
Nur Schurken und Schurken!

Berichte über Armutsberichte berichten, dass die Schere zwischen Arm und Reich weniger verschlossen als vielmehr weit auseinanderklaffend ist. Reiche werden reicher, Arme immer ärmer. Wir handeln zielstrebig nach dem Prinzip: Hast du viel, kriegst du noch mehr. Hast du weniger bis gar nichts, nimmt man dir noch mehr bis alles. Dazu gibt es noch kostenlos lecker Senf in Form von Ratschlägen, wie z.B. immer schön daran denken, noch was für das Alter zurückzulegen! Millionen für Milliarden-Konzerne, dafür munteres Gelderstreichen im sozialen Sektor. Ganz der christlichen Devise treu ergeben: Geben ist seliger denn Nehmen! Wer dabei das Gefühl hat, dass da was verkehrt läuft, dem sei gesagt, dass dieses Gefühl nicht trügt.
Das Kapital produziert unaufhörlich immer mehr Arme. Tendenz steigend. Vernachlässigen wir in unserer Zeit verstärkt die Beine, während Arme sich ungehemmt vermehren und sich vom Schicksal betrunken den Neiddiskussionen hingeben, statt diesem einfach klein beizugeben und dem richtigen Gott zu danken, auch für seine Erfindung eines paradiesischen Lebens danach, weil wir das Leben im Hier und Jetzt total versemmeln, vergeigen, vergurken?! Es ist doch nun mal so: Wir leben für die Entfaltung des freien Marktes über jede gesunde Grenze weit hinaus und immer weiter. Die einen leben ungehemmt in der Schwerelosigkeit, der Markt in der Grenzenlosigkeit. So zieht jeder sein Los, und dass dabei Nieten häufiger vertreten sind als Gewinne oder gar Hauptgewinne, ist auch heutzutage kein großes Geheimnis mehr. Die, die noch mit den Schultern zucken können, tun es vielleicht. Die anderen lassen sie schwermütig hängen. 
Nun, ehrlich gesagt, zu den sogenannten Leistungsträgern, der Elite, ihren Freunden und Co. fällt mir persönlich immer folgender Vergleich ein: Die eben erwähnten Gesellen produzieren so unglaublich viel Scheiße, da ist Arschabwischen nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Hat diese ganze Scheiße ja noch nicht mal eine Stirn zu bieten. Alle Klärwerke der Welt zusammen könnten nichts ausrichten. Machtlos müssen wir ganzheitlich gewahr werden, was unsere Nase schon lange signalisiert: Es stinkt ganz gewaltig zum Himmel!!! Dabei könnte es nach Lavendel, Flieder, Meer und dergleichen duften. Was wäre das dufte!
Merke: Nur im Konjunktiv ist alles möglich. In Wirklichkeit ist die Zeit längst überreif, endlich contra Scheiße zu handeln, um eine Menschenwelt für alle zu ermöglichen, damit sich jeder Mensch guten Gewissens bis zum allerletzten Atemzug – satt aber nicht übersättigt - frei und selbstverständlich ausleben kann.
Aber Teilen und Fairness sind nicht gerade menschliche Stärken. Gier, Ungerechtigkeit und Zerstörungswut sind stärker. Für den Rest der Welt heißt es eben, im Bedauern zu versauern.
Ein lautes Scheppern und Klirren und ein noch lauter geschrieenes Scheiße reißen mich aus meiner Gedankenwelt. Ein Blick aus meinem Fenster zeigt, dass wieder einmal ein Autofahrer seinen Wagen rückwärts über den Fußweg gegen einen Laternenpfahl gesetzt hat und sich nun furchtbar über den armen Laternenpfahl aufregt und ihn auch noch, nachdem er ihn angefahren hat, wutschnaubend mit den Füßen tritt. Der Typ gehört bestimmt zu der Gattung Autofahrer, die sich dafür einsetzt, dass sämtliche Bäume und Alleen an den Straßen zu verschwinden haben, weil die sich immer wieder arglistig und unvermittelt den Autofahrern in den Weg stellen. Ach herrje, wie soll man bloß mit solchen Gesellen einen Staat gründen? Ich habe mindestens schon 50 Mal damit angefangen, mir darüber den Kopf zu zerbrechen und mindestens 100 Mal wieder damit aufgehört, um  selbigen nicht zu verlieren.
Während der Autofahrer immer noch auf die Laterne eintritt, stelle ich Mucke an und wende mich meinem Bett zu.
Während Jean Michel Jarre für sphärische Hintergrundmusik aus Zeit und Raum sorgt, fallen meine Lider prompt zu, als ich just zum Liegen komme. Keine weitere nennenswerte Zeit benötige ich, um der Realität durch Schlafen zu entfliehen.

 Während meine Gedanken, eingelullt von Musik und Müdigkeit, ein letztes Mal versuchen, aufzubegehren, beende ich das Trauerspiel durch ziemlich abruptes Einschlafen.
Auf einmal stehe ich inmitten einer unübersichtlichen Menschenmasse, die scheinbar irgend so eine Art Indianertanz tanzt und dabei Unverständliches murmelt, was aber durchaus rhythmisch klingt. Etwas verdutzt und durchaus fragend schaue ich dem Spektakel zu. Bei genauerer Betrachtung fällt mir auf, dass die Menschenmenge offensichtlich um irgendwas herumtanzt. Ich kämpfe mich durch die Masse zu dem betanzten Mittelpunkt.
Als ich das Objekt der Begierde erreiche, stockt mir der Atem, bleibt mir die Spucke weg, und meine Ohrmuscheln werden aus unerklärlichen Gründen sensibler und verstehen nun sehr deutlich das Gemurmel der Menge:
»Hirn zermartert. Hirn zermartert. Hirn zermartert. Hirn zermartert. Hirn zermartert. Hirn zermartert. Hirn zermartert. Hirn zermartert. Hirn zermartert ...«
Was meine Augen nicht hören, sehen sie: Ein noch leicht pulsierendes Hirn an einem riesigen Marterpfahl geschnürt. 
»Hirn zermartert. Hirn zermartert. Hirn zermartert. Hirn zermartert. Hirn zermartert. Hirn zermartert. Hirn zermartert. Hirn zermartert. Hirn zermartert ...«
Ich gehe zu dem Marterpfahl und schlage meinen Kopf so lange und feste dagegen, bis ich das Bewusstsein verliere und mich in einer mir völlig unbekannten Kneipe mit einem mir völlig unbekannten Mann von ca. 40 Jahren wiederfinde. Vor mir steht ein Glas sprudelndes Mineralwasser, vermutlich meines. Bewusstlosigkeit macht mächtig durstig, darum schnappe ich es und trinke es in einem Zug leer. Vom Bahnhof aus bin ich dann wieder zurück in die Kneipe zu dem mir unbekannten Mann.
»Trinkst du immer so umständlich?«, will der unbekannte Mann gleich wissen. Wahrscheinlich hat er Angst, dass ich gleich wieder trinken gehen werde.
»Mal so, mal so.«
»Na ja, hält fit und schlank, wirkt sich aber störend auf die Gemütlichkeit und Kommunikation aus, deine, ich sag mal, Macke.«
»Der Durst ist vorerst gelöscht, also probiere es ruhig mit Gemütlichkeit.«
»Mir wäre mehr nach Kommunikation.«
»Hm, na ja, weiß nicht so recht. Worüber willst du denn mit mir kommunizieren?«, will ich wissen bevor ich mich entscheide.
»Tja, vielleicht so über dies und das, über Gott und die Welt«, schlägt er vor.
»Ach herrje, Gott und die Welt. Das sind doch nur vorwandige Einstiegsthemen, um sich nachher seelenruhig die Köppe zum Einheitsbrei zusammenzukloppen.«
»Hirn zermartert. Hirn zermartert. Hirn zermartert. Hirn zermartert. Hirn zermartert. Hirn zermartert. Hirn zermartert. Hirn zermartert. Hirn zermartert ...«
»Was war das denn?«, will der unbekannte Mann wissen und blickt sich hektisch um.
»Vergiss es! Wer bist du überhaupt?«, versuche ich ihn abzulenken.
»Ich bin Carsten, ein Callcenteragent.«
»Ein Agent, soso. Zur 007 hat es nicht gereicht, dafür für 0190, oder was?«
»Mir blieb keine andere Wahl«, jault er überraschend laut auf. Sein schlechtes Gewissen scheint hungrig und nagt an seinem Bierglas. Carsten sollte aufpassen, dass er sich den Mund beim Trinken nicht daran zerschneidet.
»Wieso keine andere Wahl? Man hat doch immer eine Wahl.«
»Ich habe einfach keinen anderen Job gefunden. Nun habe ich endlich wieder Arbeit, aber eben nur in einem Callcenter, und lasse mich da fleißig von kleinen Lämpchen unter Druck setzen. Bei Grün ist mein Puls noch normal, und ich nett und freundlich zu den Menschen am anderen Ende der Leitung. Bei Gelb werde ich nervös, mein Puls fängt an zu rasen, und ich drängele meine Mitmenschen, die via Headset an meiner Hörmuschel kleben. Bei Rot bin ich dem Herzinfarkt nahe, und ich gifte sie an, die Wesen am anderen Ende der Leitung, die mir einfach nicht den Gefallen tun wollen, zu kaufen, was ich ihnen verkaufen muss und hoffe dabei immer, dass sich keiner der Chefs, wie oft üblich, in mein Gespräch einklinkt. Von wegen Kontrollmaßnahmen!«. Er trinkt einen satten Schluck aus seinem Glasrest ohne sich dabei Lippen oder Zunge zu zerschneiden. Ein Kunststück, denn das ehemals große Bierglas hat mittlerweile, statt eines lippenfreundlichen Randes, gefährliche Spitzen. Das nagende Gewissen hat ganze Arbeit geleistet.
»Nun, findest du es denn richtig, fremde Menschen in deren Freizeit zu belästigen? Oder umgekehrt, du willst ein Arbeitsamt anrufen und hast stattdessen ein Callcenter am Apparat?«
»Agentur.«
»Bitte?«
»Agentur für Arbeit.«
»Oh ja, natürlich. Wie konnte ich nur? Hat uns ja auch einiges an Kohle gekostet. Dann wollen wir den innovativen arbeitslosigkeitskillenden Namen auch auskosten. Richtig, ganz richtig. Also, findest du es richtig und wünschenswert, statt deinen zuständigen Sachbearbeiter beim Arbeitsamt telefonisch zu erreichen, nur irgendwen Fremdes in irgendeinem Callcenter irgendwo und irgendwann an den Apparat zu bekommen? Ist ja heutzutage völlig normal. Für mich hat seitdem „Bei Anruf Mord“ eine völlig neue Bedeutung bekommen, ganz ehrlich.«
»Nein, ich finde es sogar mehr als rückschrittlich. Ein Armutszeugnis für die Gesellschaft.«
»Recht so. Umso erstaunlicher, dass du das System, so wie es derzeit ist, als Humanressource unterstützt.« 
»So so, du kleine Klugscheißerin, wie ist es denn mit dir, hm?«
»Um ehrlich zu sein, ich trag die ganze Grütze, die ich ständig beklage, auch mit. Mein Job hat mir aber anfänglich Spaß gemacht, und es wäre möglicherweise noch so, wenn wir uns nicht nur dem Profit-Sektor, sondern mindestens gleichermaßen, wenn nicht sogar intensiver, weil gesellschaftlich und zwischenmenschlich wesentlich wichtiger, dem Non-Profit-Sektor gewidmet hätten. Viele im sozialen Bereich haben unattraktive Arbeitszeiten, viel Verantwortung und überhaupt eine Menge Stress an den Hacken, können aber von ihrem Gehalt nicht leben. Grau samt das Grausam.«
»Willste noch was trinken?«, fragt mich Carsten, und ich frage zurück: »Soll ich gehen?«
Sein JA ist noch meilenweit nicht zu überhören. Sofort mache ich mich vom Acker, als ich plötzlich vor dem Marterpfahl mit dem malträtierten Hirn aufwache. Mindestens 1000 Augenpaare starren auf mich herab und murmeln dabei diesmal:
»Leichte Schläge auf den Hinterkopf erhöhen das Denkvermögen. Leichte Schläge auf den Hinterkopf erhöhen das Denkvermögen. Leichte Schläge auf den Hinterkopf erhöhen das Denkvermögen ...«
Einer aus der Masse zieht mich hoch und alle fangen an, auf meinen Hinterkopf zu schlagen. Ich denke dabei unentwegt: Wach auf! Wach auf! Wach auf! 
Ich wache auf. Es funktioniert. Ich bin erstaunt und wach.
Vor mir steht ein Gartenzwerg ohne Kopf. Stattdessen ziert ein pulsierendes Hirn seinen Hals. Er nickt mir kurz zu und fängt an, Folgendes von einer Papyrusrolle vorzulesen:

»Vertuscht
Noch ein Tusch
Kasten
zum Vertuschen!
Vor Verantwortung
nicht Kuschen!
Sondern sich
aus dieser stehlen,
ruhig weiter Recht und Seelen
quälen.
Denn längst haben sie Recht
zurecht getreten,
mit ihren Füßen
und Gebeten.
Theoretisch schwer penibel,
doch in der Praxis
moralisch 
sehr flexibel.«

Ich wache wirklich auf, verwirrter als sonst.
Der Wecker tickt, die Zeiger zeigen auf kurz nach 23h. Der Sonntag, das freie Wochenende, all das ist wieder Geschichte. Morgen geht es wieder in die Ballerburg. In mir sträubt sich alles, von der einstigen Lust zum jetzigen Verlust.
Der Kaffeejiffel treibt mich in die Küche. Lars sitzt am Tisch und liest Zeitung.
»Guten Morgen, alter Knabe.«
»Klara, das ich dich heute noch zu Gesicht bekomme! Hast du die Straßenlaterne schräg vor unserem Haus schon gesehen? Sieht aus, als hätte die ordentlich Dresche gekriegt. Aber das hat sie nun davon, auf mich will sie ja nicht hören! Wie oft habe ich ihr schon nahegelegt, sich nicht mit Autofahrern anzulegen. Tja, mit einem blauen Auge davonkommen sieht anders aus«, grinst mich Lars mit seinem Lausbubengrinsen an.
Ich öffne den Kühlschrank. Er gähnt mich an, und mir fröstelt. Leerelosigkeit.
»Wir müssten mal wieder einkaufen gehen«, höre ich Lars sagen.
»Ich habe morgen Spätdienst. Wir könnten vorher einkaufen, wenn du Zeit hast«, höre ich mich sagen und dann fragen: »Willste auch einen cremigen Milchkaffee, um den Sonntag stilgerecht zu verabschieden?«
»Ja, ich will! Ich will einen deiner geilen Milchkaffees, und morgen Vormittag einkaufen finde ich prima.«
Hätten wir das Wesentliche schon mal geklärt. 
»Alles klar bei dir Klara? Du siehst, hm, na ja, also, wie soll ich sagen, etwas zerknautscht aus.«
»Ach lassen wir das. Komisch gepennt, Punkt und Aus. Habe im Übrigen den Laternen-Verprügler gesehen. Na ja, kann den armen Mann schon verstehen. Wie kann sich diese Laterne aber auch den armen Autos immer wieder derart rigoros und unvermittelt in den Weg stellen? Wahrscheinlich hat sie es nicht anders verdient. Ihr sollte mal beizeiten ein Licht aufgehen.«

 Stunden später sitzen Lars und ich wieder in der Küche. Wieder bei Kaffee, um die Augen zum Öffnen zu motivieren und um eine neue, tolle Woche einzuläuten. Was Montage betrifft, bin ich wie Garfield. Ich hasse Montage! Ich hasse meinen Job und Einkaufen gehen hasse ich auch. Das alles liegt noch vor mir. Ein perfekter Montag, will ich meinen.
Meine Laune ist so tief unten, dass sie mich mit meiner Gesamtgröße von 1,64m und meinem Lebendgewicht von 54kg problemlos so weit runterzieht, dass es zum Mittelpunkt der Erde nicht mehr allzu weit sein kann. Ich lechze nach der Zeit, in der ich einfach gelebt habe. Damals, nach meinem spontanen Abbruch der Schule und dem Auszug bei den Eltern, bin ich für ein knappes Jahr, bevor ich dann meine Ausbildung zur Erzieherin begonnen habe, einfach und sorglos durch die Weltgeschichte getingelt. Die schönste und nachhaltigste Zeit meines Lebens. Soll das jetzt den Rest meiner Lebenszeit so gehen, dass ich mich nach dieser Zeit, bald gramerfüllt, zurücksehne und damit nur noch in der Vergangenheit lebend glücklich sein werde?! Das kann nur zu  Verbitterung vom Feinsten führen, aber nicht zu einer Steigerung der Lebensqualität. Jeder ist seines Glückes Schmied, heißt es. Die Realität ist doch eigentlich was für Leute, die sich nichts Besseres vorstellen können.

»Klara, lass uns mal hier rein«, reißt mich Lars aus meiner Gedankenwelt. Wir stehen vor einem Drogeriemarkt, den wir, wenn wir - wie heute - zum Supermarkt tengeln, ständig passieren, aber den wir bislang auf dem Hinweg rechts, und auf dem Rückweg links haben liegengelassen.
»Was willst du da?«, will ich wissen.
»Lass dich überraschen, nur soviel, ich will deine hoffnungslos gesunkene Laune wieder nach oben hieven. Also, nix wie rein da«, sagt Lars und ist mit der letzten Silbe schon im Drogeriemarkt verschwunden. Treudoof dackel ich hinterher. Ziemlich zielsicher erreichen wir das Regal mit einer recht ansehnlichen Auswahl an Kondomen. Lars greift sich eine Packung, und wir gehen ohne weitere Umwege zur Kasse. Ich frage mich, wie Lars mich mit Kondomen launentechnisch aufbauen will. An der Kasse angekommen, stelle ich die inneren Dialoge ein, um mich voll und ganz auf die Kassensituation zu konzentrieren. Die Kassiererin scannt die Kondome ein und schaut uns dabei lächelnd an.
»6,99 Euro.«
Lars kramt in seinem Portemonnaie, tut immer nervöser, bis er schließlich äußert: »Das tut mir leid, das Geld reicht nicht. Ich muss sie umtauschen gehen.«
Die Kassiererin, die ihr Lächeln abrupt verloren hat, scannt die Kondome wieder aus und reicht sie Lars, der daraufhin zurückgeht in den Drogerie-markt, während ich an der Kasse stehen bleibe, wobei mich der musternde Blick der Kassiererin nervös werden lässt. Meine Laune ist immer noch tief unten. Merkwürdiges Gute-Laune-Aufbau-programm. Kurze Zeit später kommt Lars zurück und legt eine Tüte Gummibänder und Frischhaltefolie aufs Band, und kommentiert: »So, das sollte auch funktionieren!« Das Gesicht der Kassiererin werde ich nie vergessen. Unbezahlbar!
Kaum draußen habe ich meinen ersten Lachkrampf für diese Woche. Das Aufbauprogramm hat funktioniert.
»Ihr Gesicht! Die Entgleisung sämtlicher Gesichtszüge binnen Sekunden ... Lars, großartig! Danke dir!«
»Gerne, meine Liebe, nur zu gerne.«

Kaum geht der Montag nahtlos in der Ballerburg weiter, ist meine gute Laune ernsthaft in Gefahr, wieder zu sinken, denn gleich bei Eintritt in die Burg zu Balla Balla kommt mir eine aufgeregte Angelika entgegen und sabbelt was von Personalengpass. Wie konnte ein so aufgeregtes Huhn eigentlich Einrichtungsleiterin werden? Es gibt viel zu viele ungelöste Rätsel auf diesem Planeten. Aber statt die Lücken zu schließen, arbeiten wir professionell an einer Ausweitung derselben. Da der Kommunismus in der Zahnmedizin endlich abgeschafft wurde, gesellen sich zu den Bildungslücken neckische Zahnlücken. Nur Parkplatzlücken, obwohl immer mehr Lebensraum Parkraum geopfert wird, zeigen sich streng verdichtet. Prioritäten setzen war noch nie eine menschliche Stärke.
»Ich wünsche dir auch einen guten Tag Angelika«, höre ich die Worte aus meinem Mund sprudeln.
Ein BFO (Bekanntes Flugobjekt), in Form von einer der wenigen heilen Thermoskannen, fliegt knapp über meinem Kopf vorbei. Karl scheint wieder in Hochform zu sein. Scheppernd fliegt die Thermoskanne gegen die Wand und landet danach auf dem Boden. Die Zahl der funktionstüchtigen Thermoskannen schrumpft damit auf eine sehr übersichtliche Zahl zusammen. Hoffentlich war es eine dreckige Kanne.
Ein nahendes Tatütata lässt mich vorerst schweigend in der Küche verweilen, keine drei Schritte von der Tür, durch die ich eben kam. Gilt es uns, also dem Heim? Innerhalb weniger Sekunden kann ich die Frage mit einem klaren Ja beantworten. Der Krankenwagen hält auf dem Hof. Zwei Sanitäter verlassen den Wagen und sprinten auf die Tür zu, die Angelika ihnen schon geöffnet hat.
»Kommen sie mit«, und die zwei Sanis folgen Angelika. Ich auch, um in Erfahrung zu bringen, was eigentlich los ist. Wir erreichen das Zimmer von Kristin, einer anfallsreichen Epileptikern, die heulend und am Kopf blutend auf dem Boden liegt. Marco, der bedauerlicherweise einen seiner letzten Dienste hier schiebt, hockt neben ihr und versucht, sie etwas zu beruhigen.
»Sie hatte einen Anfall und ist mit ihrem Kopf auf dem Nachttischschrank aufgeschlagen«, informiert Angelika die Sanis. Marco und ich nicken uns kurz zu, während sich die Sanis umgehend um Kristin kümmern und sie vor Ort versorgen, bevor sie sie mit ins Krankenhaus nehmen. Marco fährt mit, denn Kristin ist des Sprechens nicht mächtig. Meine Laune beginnt zu sinken. Dienst mit Marco zu haben war so etwas wie ein Lichtblick, zumal wir nicht mehr allzu viele Dienste gemeinsam haben werden, weil der Kerl uns verlassen wird. Ich bleibe mit Angelika alleine zurück und darf mir erst einmal etwas über den Personalengpass anhören, während um uns herum wieder einmal das Leben und Karl toben.
Hannes, studentische Aushilfe, ist heute nicht zu seinem Frühdienst erschienen. Stattdessen hat er aus Island angerufen und spontan gekündigt. Ich könnte platzen vor Neid, aber auch vor Bewunderung für so viel Arsch in der Hose. Ich spiele mit dem Gedanken, Angelika meine mündliche Kündigung auszusprechen, aber mein Arsch hat sich just in diesem Moment in die Kimme verzogen und lugt nur mit einer kleinen Hämorride ängstlich hervor. Wovor habe ich Angst? Angst ist ein ganz schlechter Partner und ein noch viel schlechterer Berater.
»Wir haben einige Lücken im Dienstplan zu schließen«, stört Angelika mich in meinen Gedankengängen. Was hat die in meinen Gedankengängen verloren?! Die Zeit zu kündigen ist schon lange reif und sollte gepflückt werden, bevor ich als Griesgrämin dahinvegetiere, wie Regine und Knut, die schon praktisch seit Jahrzehnten den Absprung verpasst haben. Wer kämpft, KANN verlieren. Wer allerdings nicht kämpft, hat schon verloren. Auf verlorenem Posten hänge ich schon viel zu lange fest.
»Klara, hörst du mir überhaupt zu?«
»Nein. Ich denke nach.«
Ob Lars und ich heute Abend - nach meinem Feierabend - wohl seine Kondomkonstruktion ausprobieren werden? Ich muss grinsen. Angelika redet - wahrscheinlich mit mir -, aber ich höre sie nicht, bin zu weit abgedriftet. Eine spontane Reise in die Vergangenheit, meine Vergangenheit. In Island war ich damals auch mit meinem Rad, als ich noch durch die Weltgeschichte getingelt bin, ohne lästige arbeitsvertragliche Verpflichtungen, die mich meiner Freiheit beschnitten hätten. Ich sehne mich nach dieser Unbeschwertheit zurück, nach der Lebens- und Reiselust, einfach nach allem und höre mich nur wie durch Watte sagen:
»Angelika, ich werde kündigen!«
Manchmal bleibt die Zeit stehen. Dann muss man sie wieder anschieben. Es wird auch gemunkelt, dass die Zeit mit der Zeit an Alzheimer erkrankt und ziemlich tüddelig geworden ist. Kein Vergleich zu der Zeit, als die Zeit nur an Schluckauf litt.
»Was???«, Angelika guckt mich mit weit aufgerissenen Augen an: »Du wirst was?«
»Kündigen. Ich werde kündigen.«
»Das kannst du mir nicht antun«, jammert Angelika förmlich.
»Das kann ich dir als Mensch nicht antun oder als Leiterin, die, wie im Prinzip immer, mit Personal jonglieren muss wegen der ewigen Engpässe?!«. Ich spüre eine wachsende Leichtigkeit in mir und freue mich schon jetzt auf eine Rückkehr ins richtige Leben.
Ein Glas mit sauren Gurken zerplatzt laut an unserer Dienstzimmertür. Karl, unser Red Bull im Heim, verleiht den Dingen wieder erfolgreich Flügel.
»Über deine Kündigung reden wir noch«, lässt Angelika mich wissen, bevor sie anfängt, den Scherbenhaufen samt sauren Gurken einzusammeln. 
»Da kann es nur noch die Förmlichkeiten zu bereden geben«, antworte ich und schnappe mir Karl und bringe ihn in den sogenannten Hobbyraum zum Punchingball. Kaum hat er ihn erblickt, bekommt dieser umgehend die Tracht Prügel seines Lebens. Danach schaue ich, was die restlichen 16 Bewohner so treiben und verfolge dabei Karls Spur der Verwüstung. Hat mal wieder ganze Arbeit geleistet, der Kerl. Frau Irrgang irrt irre durchs Heim und sabbelt die ganze Zeit irgendeinen gequirlten Unsinn vor sich her. Ernsthaft Zuhören tut ihr schon lange keiner mehr. Ich auch nicht. Der große Rest hat sich in die eigenen Zimmer verzogen. Also die, die das können. Eva , wenig paradiesisch, sitzt ziemlich besudelt in ihrem ebenso besudelten Rollstuhl in der Küche und weint. Willi und Oliver, die anderen zwei Rollstuhlfahrer, sitzen im Wohnzimmer und schauen stumpf in die Glotze, die nicht läuft. Auch an ihnen und ihren Rollstühlen kleben allerlei Köstlichkeiten, denen Karl das kurzzeitige Fliegen beigebracht hat. Jetzt kann es nur heißen: Frisch ans Werk! Motivationsschub durch ausgesprochene Kündigung. Pfeifend schnappe ich mir Eva und rolle sie ins Badezimmer. Die mir bevorstehende Dreimonatssperre ohne Kohle geht mir, zumindest jetzt noch, gepflegt am Arsch vorbei, auch wenn die finanzielle Kernschmelze auf meinem Konto damit sehr absehbar ist. Scheiß Geld, gnadenlos zerstörungswütig. Warum legt die Menschheit nur so viel Wert darauf?
Heute Nacht noch werde ich meine Kündigung schriftlich verfassen. Das erste Mal seit langem bin ich wieder richtig fröhlich auf Arbeit.
Gute drei Stunden später trudelt Marco alleine aus dem Krankenhaus ein. Kristin hat eine schwere Gehirnerschütterung und eine Platzwunde am Kopf, die mit neun Stichen genäht werden musste. Ein halbwegs normaler Tag in der Ballerburg.
Meine mündlich ausgesprochene Kündigung sollte kein Thema mehr in diesem Dienst werden, wobei Marco meine gute Laune sofort bemerkte und mich zwar fragend anblickte, aber keine Fragen stellte. Nur die eine: »Wollen wir nach Feierabend noch was trinken gehen?«
Erst als Marco und ich auf ein Feierabendgetränk in die nächste Kneipe einkehren, sind Kündigung und Frohsinn beiderseits ein ganz großes Thema. 
Nie wieder sozialer Bereich. Nie wieder ausbeuten und unmenschlich behandeln lassen! Prost!
Nur der Mann, der uns gegenüber sitzt und beinahe unablässig zu uns starrt, wirkt ein wenig irritierend und lenkt mich hin und wieder ab. Ich habe das Gefühl ihn zu kennen, kann ihn aber nicht einordnen. Als er sein Glas in meine Richtung erhebt und mir ein: »Glückwunsch, Klara!« zuruft, kann ich an seinem Hemd ein Namensschild ausmachen. Es steht nur Carsten drauf. Ich bin genauso schlau wie vorher und bestelle Marco und mir einen zweiten Humpen Milchkaffee, um unsere nahende Freiheit zu begießen und um Carsten, wer auch immer das sein soll, zu vergessen.