Tanja Bakenhus

Blutroter Morgen

Wer will sich schon Sorgen
borgen?

Die Nachrichten der letzen Zeit haben offensichtlich ihre Spuren hinterlassen. Müde aber ebenso fassungslos stehe ich in der Tür zu meinem Badezimmer: ziemlich viel Blut! Das erstaunt mich. Ein paar Augenblicke später erblicke ich sie auf dem kalten Fliesenboden im Bad, ein Anblick, der entsetzlicher nicht sein könnte. Mein Würgen nur ein natürlicher Abwehrmechanismus. Bis zur totalen Unkenntlichkeit zerstört liegt sie da in dieser Blutlache. Krasser Anblick am frühen Morgen. Diese sinnlose Brutalität lässt mich erschaudern. Mein Magen zieht sich zusammen und eröffnet mir mit wellenartigen Krämpfen, dass er dieser Situation nicht gewachsen ist. Der Brechreiz ist allerdings nur von kurzer Dauer und liegt praktisch und visuell vor mir auf dem Boden. Ein schöner Tag! Mein freier Tag!
Das MorgenGrauen!
Meine Blase, die mich überhaupt zum Aufstehen brachte, fordert mittlerweile vehement ihr Recht auf Erleichterung durch Entleerung ein. Ein paar hektische Urintropfen eilen durch den kurzen Harnkanal in meine Unterhose und sind nur ein weiterer Beweis auf dringendes Uringedränge in meiner Blase. Tänzelnd versuche ich grob, das Bad vom Blut und von den letzten Fetzen der Binde, die dem gestrigen Mensbindenmassaker offensichtlich zum Opfer fiel, zu befreien, während meine quengelnde Blase mich geradewegs dazu zwingt, dabei spontan auf die Kloschüssel zu hüpfen. Der Urinstrahl dröhnt in meinen Ohren, und ich könnte beinahe schweben vor Erleichterung. Der erste schöne Moment an diesem Morgen.
»Guten Morgen Klara! Was wird das denn?!«
Na, das muss ein Anblick sein.
»Kleine Morgentoilette. Wonach sieht es wohl sonst aus?!«
Der erste schöne Moment an diesem Morgen war auch ein ganz schön kurzer Moment.
»Haste heute frei?«
»Lenk nicht ab. Was zum Henker ist hier passiert?! Hast du ein Blutbad genommen, oder was?!«
Auf dem Klo sitzend zeige ich mit dem linken Arm auf die Sauerei im Bad.
»Also, das mit der Kotze hier, dazu weiß ich nichts ... scheint aber ziemlich frisch ... ist noch warm und riecht auch ...«
»Ist ja gut, Lars! Also, was ist hier im Bad passiert, und lass dabei einfach die orale Magenausscheidung außer Acht. Darüber bin ich zur Genüge informiert. Nun?!«
Ich wische ab, spüle, ziehe die Hose wieder hoch, wasche die Hände und lasse Lars nicht aus den Augen.
»Peer war gestern da. Sein Bruder Peter hat sich verpflichten lassen, für 12 Jahre! Peer war völlig fertig ...«
»Peters Verpflichtung beim Bund steht in direktem Zusammenhang mit dieser Riesensauerei hier im Bad?! O.k., macht Sinn.«
»Trägst wohl neuerdings schon am frühen Morgen die satirischen Slipeinlagen, wie?!«
»Die satirischen Slipeinlagen?! Nehmen das Lachen auf, wenn der Humor geballt kommt, oder was?!«
»Kaffee brüht im Übrigen.«
»Na, das sind doch mal gute Nachrichten. Ich komme gleich.«
Ich bin ein Morgenmuffel, zu Recht, wie sich wieder einmal zeigt. Wenn das also mit Morgenstund’ hat Gold im Mund - wie es nur allzu oft Amalgam-Mund kundtut - gemeint ist, dann verstehe ich mehr denn je, warum der Morgen morgens graut. Mein Mundraum schmeckt schäbig, vielmehr nach Müffel denn nach Gold. Ich wollte ausschlafen. Einfach nur einmal ausschlafen. Nach dreiwöchigem Schlafentzug nach System, dank arbeitsvertraglicher Verpflichtungen und einer unbedingten, sehr hohen Flexibilitätsbereitschaft, wollte ich dem wachsenden asiatischen Ausdruck in meinem Gesicht mit einer gehörigen Portion Schlaf entgegenwirken. Nicht, dass aus den asiatischen Wochen noch Monate werden. Nun gut, morgen ist noch ein Tag, ein freier Tag. Ein neuer Versuch.
Da Lars diese Woche laut Plan für das Reinigen des Badezimmers zuständig ist, verlasse ich das Bad wie es ist, steige über die noch dampfende Magenausscheidung hinweg und mache mich auf den Weg zum frischen Kaffee. In der Hoffnung, das Peters Verpflichtung beim Bund keine weiteren Auswirkungen auf unsere Wohnung zur Folge hatte.
Dem war dann auch so. Glück gehabt! Für die Küchenreinigung bin ich diese Woche nämlich zuständig, hätte ich glatt noch mal kotzen müssen.
Heiße Bohne zieht duftend ihre Kreise und mir geht es mit einem Schlag besser. Meine Kanne Kaffee!
»Nicht, dass ich begriffsstutzig wäre oder so, aber könntest du mir den Zusammenhang zwischen der Sauerei im Bad und Peters Verpflichtung beim Bund noch mal etwas genauer erklären?!«
»Also eigentlich wollten wir an Foltermethoden arbeiten, die keine Spuren hinterlassen.«
»Na, das ist wohl eher nicht geglückt!  Hat sie wenigstens gestanden?«
»Nein, obwohl sie viel schlucken musste, hat sie nichts rausgelassen.«
»Tja, die Supersaugkraft eben. Die neue große Freiheit zwischen den Beinen während der Tage.«
»Wieso zeigen die in der Werbung eigentlich immer zur Demonstration der Saugfähigkeit blaue statt rote Flüssigkeit? Ich habe lange Zeit gedacht, dass das Menstruationsblut blau wäre.«
»Ja ja, die Geschichte der Menstruation ist eine Geschichte voller Missverständnisse. Ich habe keine Ahnung, warum die Werbefritzen das machen. Vielleicht wirkt rote, blutähnliche Flüssigkeit abschreckender, und keine Frau würde mehr Binden oder Tampons kaufen. Vielleicht will man Missverständnisse auch unmissverständlich missverständlich lassen.«
»Hast du mal den Film „Blaues Blut. Tage unter Binden!“ gesehen?«
»Nee. Kenn ich gar nicht. Ist gut?«
»Noch nicht fertig. Nachdem das mit dem Foltern nicht so erfolgreich verlief, haben Peer und ich zwar nicht die Örtlichkeit gewechselt, zeigten uns aber trotzdem flexibel und änderten einfach das Thema. Wie gesagt, ist auch noch nicht fertig. Du wirst dann die Erste sein, die den Film zu Gesicht kriegen wird.«
»Na herrlich! Zwei Schwule drehen einen Mens-Film! Da bin ich aber gespannt. Der Titel gefällt mir schon mal, der Kaffee im Übrigen auch!«
»Danke.«
»Bitte.«
Lars und ich kennen uns schon ewig. Im Prinzip seit meiner Geburt, denn als ich durch den Geburtskanal meiner Mutter der großen Freiheit entgegenschwamm, hatte Lars die mütterliche Fruchtblase zwei Jahre zuvor schon verlassen. Seine Eltern und meine Eltern sind Nachbarn. Lars und ich Einzelkinder, aber wie Geschwister, also streng genommen ist Lars meine beste Freundin. Seit eh und je.
Mittlerweile leben wir seit ungefähr acht Jahren zusammen in einer Wohngemeinschaft, was gut klappt, von dem Mensbindenmassaker im Bad mal abgesehen.
Unsere Eltern haben sich schon früh und viel zu lange Zeit und leider immer noch, vor allem Lars Eltern, hartnäckig bis heute ausgemalt, wie Lars und ich eines Tages ganz in Weiß heiraten würden. Wobei Lars und ich schon früh wussten, dass Lars stockschwul ist und damit eine Hochzeit für uns nicht in Frage kommen wird. Während sich unsere Eltern also unsere liebe lange Kindheit darüber stritten, welches Kind welchen Namen nach der Hochzeit tragen würde und sie sich nach Jahren dann schlussendlich darauf einigen konnten, dass wir mit einem Doppelnamen - Fall-Vegas oder Vegas-Fall, die Reihenfolge war noch nicht entschieden - Vorlieb zu nehmen haben werden, widmeten Lars und ich uns eher gegenwärtigeren Dingen.
Zum Beispiel, ob Regenwürmer bei Teilung wirklich weiter leben und zwar in zwei Teilen, und um dabei zu beobachten, ob diese zwei Würmer daraufhin auch zwei verschiedene Persönlichkeiten entfalten würden. Oder auf welcher Oberfläche Nacktschnecken die melodischsten Geräusche beim Draufschleudern und dem dann folgenden Zerplatzen machen. Dabei war unser Ziel, Beethovens Unvollendete vollendet mit den Nacktschnecken-Geräuschen eines Tages auf Langspielplatte zu präsentieren, um damit natürlich die Charts zu stürmen. 
Uns war selten langweilig. 
Lars und ich hatten nicht nur das Einzelkinddasein gemeinsam. Wir hatten auch beide das Glück, Pädagogen als Erziehungsberechtigte zu haben, die Seinen mehr, die Meinen weniger christlich. 
Mittlerweile sind unsere Eltern nicht mehr erziehungsberechtigt, was Lars und ich damals ausgiebig gefeiert haben, und pensioniert sind sie auch. Meine Eltern frühpensioniert, Lars Eltern hingegen haben ihr Beamtensoll strebsam erfüllt. Seitdem fahren unsere Eltern mehrmals im Jahr gemeinsam mit ihren dafür eigens angeschafften Wohnmobilen in den Urlaub.  Allerdings haben sie seit ihrer Pensionierung nicht nur sehr viel mehr Zeit zu verreisen, auch das Thema Hochzeit ihrer Kinder professionalisierten sie und weiteten es auf Enkelkinder aus, und auf die Frage, auf welchem Hintergrundstück Lars und ich dann unser trautes Heim bauen würden. Dieses Thema erfreut sich bei unseren Eltern einer besorgniserregenden Beharrlichkeit.
Lars war deswegen seit fast 2 Jahren nicht mehr bei seinen Eltern zu Besuch. Na ja, und die Idee seiner Eltern, ihn in ein sogenanntes „Umerziehungslager“ in die Staaten zu schicken, gereichte auch nur dazu, Lars von seinen Erzeugern fernzuhalten. Ich selber meide das Besuchen meiner Eltern auch weitestgehend. Heute allerdings sind wir verabredet, und ich bin gespannt, wie der Besuch verlaufen wird und um wievieles lauter meine biologische Uhr in den Ohren meiner Eltern schlagen wird.
»Sag mal Lars, ist Peter nicht der mit dem Tourette-Syndrom?!  Damit ist er doch ganz gut bei der Bundeswehr aufgehoben, oder nicht!?«
»Peter und die Sache mit dem Tourette! Einerseits Ja und andererseits ein ganz entschiedenes Nein. Peter hat als Kind schlimme Schimpfattacken bekommen und sich auch in Bezug auf Schimpfwort-Erfindungen außerordentlich begabt gezeigt. Es war eine Weile so schlimm, dass andere Eltern sich über Peter beschwerten und ihren Kindern den Umgang mit ihm verboten haben. Seinen Eltern fiel in ihrer Verzweiflung nun mal nichts anderes ein als zu behaupten, ihr Sohn habe Tourette. Diese Ausrede war die einzige Lösung zu der Zeit, um Peter gesellschaftlich nicht schon so früh abgekapselt zu wissen. Hat auch gut geklappt. Statt ständig Ärger zu bekommen, hatten die anderen Eltern Mitleid und Verständnis für Peters arme Eltern, die so gestraft waren mit einem sich in der Öffentlichkeit so peinlich aufführenden Knaben. So gesehen tat die Tourette-Ausrede allen Beteiligten gut.«
»Hm, irgendwie tetra!«
»Wie bitte?!«
»Clever!«
»Ja, stimmt. Nun denn, ich werde mich mal um die Spurenbeseitigung im Bad kümmern. Was fängst du mit dem heutigen Tag an?!«
»Ich bin mit meinen Eltern verabredet.«
»Oh, das macht so einen freien Tag aber auch nicht gerade gehaltvoller.«
»Ja, wie wahr. Die Goldene Hochzeit von Onkel Ernst und Tante Herta steht an, und ich befürchte Schlimmes!«